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„Deutschland braucht einen Masterplan für Strom und Gas“

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Autor: Redaktion

„Deutschland braucht einen Masterplan für Strom und Gas“

gwf: Herr Hüwener, als einer der großen Ferngasnetzbetreiber muss Ihr Unternehmen gasförmige Energieträger natürlich per se befürworten. Welche Fakten sprechen aus Ihrer Sicht für Methan und Wasserstoff?
Hüwener: Ohne grüne Moleküle in Form von erneuerbarem Wasserstoff und Methan sind der geplante Ausbau der erneuerbaren Energien und damit die Energiewende nicht zu schaffen. Grüne Gase werden das klimaneutrale Fundament für eine effiziente Energiewende sein. Wenn die Bundesregierung ihre Klimaschutzziele bis 2050 erreichen will, muss sie grüne Gase und die vorhandene Gasinfrastruktur in den Blick nehmen. Die Gasinfrastruktur mit ihrer Transportkapazität und den Speichern ist hervorragend ausgebaut, gesellschaftlich akzeptiert und ihr Speicherpotenzial ist enorm.
gwf: Herr Kleinekorte, bislang wurde der Umbau des Energiesektors vor allem von der Stromseite gedacht. Aus der Sicht eines Strom-Netzbetreibers: Wird Gas als Energieträger zukünftig stärker in den Fokus rücken?
Kleinekorte: Wir müssen die erneuerbaren Energien für Deutschland so effektiv wie möglich nutzbar machen und so den grünen Fußabdruck unserer Volkswirtschaft verbessern. Das ist der wichtigste Baustein für den Klimaschutz. Dafür reicht es allerdings nicht, die Windund PV-Anlagen lediglich an das Stromnetz anzuschließen – vielmehr müssen wir sie in das Energiesystem integrieren. Ein Schlüssel hierfür ist die Sektorenkopplung zwischen Strom und Gas bzw. den Transportnetzen Strom und Gas. Die Technologie steht grundsätzlich bereits zur Verfügung, muss aber an die Anforderungen eines systemdienlichen Betriebs adaptiert werden. Mit Power- to-Gas-Anlagen kann grüner Strom in andere Wertschöpfungsketten überführt werden. Etwa indem er in Wasserstoff umgewandelt wird, einen wertvollen Rohstoff für die Industrie oder den Verkehrs- und Wärmesektor, der saisonal speicherbar ist.
gwf: Herr Hüwener, in Deutschland sind auch heute schon rund 80 % der genutzten Energie als Moleküle, also in chemischer Form gespeichert. Wo liegt der Sinn darin, trotz Umwandlungsverlusten aus Elektronen noch mehr Moleküle zu erzeugen?
Hüwener: Es geht uns nicht zwangsläufig darum, dass noch mehr Moleküle ins Gassystem gebracht werden, die wir dann transportieren können. Wir wollen eine effiziente Energiewende. Das bedeutet, dass fossile Energieträger durch klimafreundliche Moleküle effizient und anwendergerecht ersetzt werden müssen. Sektorenkopplung ist hier das Stichwort.
In diesem Zusammenhang wird auch öfters über Umwandlungsverluste diskutiert. Wenn man dies tut, muss man aber auch ehrlich über die Alternativen sprechen. Es ist doch immer sinnvoller, dass Photovoltaik- und Windkraftanlagen Energie erzeugen, anstatt sie abzuregeln. Denn wenn die Anlagen nicht produzieren ist der Wirkungsgrad null.
gwf: Herr Kleinekorte, welche konkreten Vorteile sehen Sie als „Stromer“ in Powerto- Gas-Technologien? Kann der kostenintensive Ausbau des Stromnetzes so tatsächlich reduziert werden?
Kleinekorte: Amprion und OGE wollen in ihrem gemeinsamen Pilotprojekt „hybridge“ die Entwicklung einer Power-to- Gas-Anlage als Sektorentransformator vorantreiben, der erstmals die industrielle Größenordnung von 100 MW realisiert. Ziel ist es, die Technologie im großtechnischen Maßstab so weiterzuentwickeln und zu erproben, dass Anlagen im Gigawattbereich für den Zeitraum ab 2030 für die Volkswirtschaft verfügbar sind. Gleichzeitig soll „hybridge“ der Grundstein für eine zu entwickelnde Wasserstoffinfrastruktur sein, die sich wiederum auf bereits vorhandene Gasleitungen stützen kann. Wir benötigen einen gemeinsamen Masterplan für Strom- und Gasnetze.
gwf: Bei den großen Zielen der Energiewende – Dekarbonisierung und Integration der Erneuerbaren – sind sich eigentlich alle einig. Woran hapert es Ihrer Meinung nach bislang?
Hüwener: In Sonntagsreden erklären Politiker gerne, dass sie technologieoffen, innovativ und energiewendebereit sind. Leider ist dies zwischen den Sonntagen häufig nicht zu erkennen. Einen energiepolitischen Kompass gibt es nicht. Wir erwarten hier eine ambitioniertere Umweltund Klimapolitik von der Bundesregierung. Ein notwendiger Baustein ist die angekündigte Wasserstoffstrategie des Bundes. Wir hingegen haben einen Kompass. Wir haben die Technik, wir haben einen geeigneten Standort und wir kennen vielfältige Anwendungen für den Wasserstoff. Daher haben wir gemeinsam im März dieses Jahres einen Antrag auf Investitionsmittel für „hybridge“ bei der Bundesnetzagentur gestellt. Damit zeigen wir, dass wir energiewendebereit sind und es ernst meinen. Wir warten nun auf einen positiven Bescheid. Sobald uns die Genehmigung für die Anlage vorliegt, können wir mit dem Bau beginnen und die Anlage kann bereits 2023 in Betrieb gehen.
Kleinekorte: Wir brauchen ein integriertes Energiesystem mit Sektorenkopplung, um die Energiewende meistern zu können. Das kann man nicht oft genug sagen. Gas und Strom gemeinsam zu betrachten, ist derzeit regulatorisch noch nicht vorgesehen. Von daher appellieren wir an die Politik, den Weg frei zu machen und die Stufe 2 der Energiewende möglich zu machen. Es muss jetzt losgehen, damit wir bis 2030 die notwendige Technik zur Verfügung stehen haben, wenn wir sie brauchen. Die Wasserstoffstrategie kann ein Weg sein, um das zu ermöglichen.

(Das ungekürzte Interview finden Sie in gwf Gas + Energie, Heft 11/19)